Die Gasse
1895
Lithographie mit Kreide und Tusche, Schabeisen, auf kalandriertem Velin
432 x 267 mm / 435 x 323 mm
Gedruckt von A. Liebmann, Berlin
Inv. Nr. 66168
Vermächtnis Dr. Carl Hagemann 1948
Literatur: Sch. 36 a; Woll 43 II.1/II
© The Munch Museum/The Munch Ellingsen Group/VG Bild-Kunst, Bonn 2011
»Die Gasse« gleicht einer traumhaften Vision. Eine mädchenhafte Frauengestalt wird von einer keilförmig in die Tiefe führenden Gruppe aus Herren in schwarzer Abendkleidung regelrecht in den Vordergrund gedrängt.
Auf den ersten Blick scheint sie nackt zu sein. Am Körper kaum sichtbar ist der transparente Schleier, der sich über eine am Boden aufliegende Draperie erschließt.
Während die ihr unmittelbar zur Seite gestellten Männer noch als Individuen dargestellt sind, erscheinen die Übrigen durch den Zylinder typisiert austauschbar. Das Objekt ihrer Begierde ist dem Blick des Betrachters frontal ausgesetzt. Die Schrittstellung ebenso wie ihre uneindeutigen Armbewegungen beschreiben die junge Frau eher selbstbewusst handelnd als Hilfe suchend.
So gelang dem Künstler in der Druckgraphik eine bildhafte Metapher, in der die sich prostituierende Frau in der Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts als Gegenstand und aktives Opfer der Lust charakterisiert wird.